Bäuerliches Erbrecht in der Geschichte

Bäuerliches Erbrecht. Erklärt von Fachanwalt Gerhard Ruby, Spezialist für Erbrecht.

Die romantisierende Vorstellung von einem freien Bauernstand, der seit der Germanenzeit über Jahrhunderte den Hof von Generation an Generation vererbte, ist falsch. Erst die Anerbenrechte ermöglichten nach der Bauernbefreiung eine echte Vererbbarkeit des Hofes, wenn diese zum Schutz des Hofes auch eingeschränkt war.

Vorgänger der Anerbenrechte war das Hofrecht. Als Hofrecht werden die rechtlichen Beziehungen zwischen Gutsherr und Bauer am Bauernhof bezeichnet. Das Hofrecht ist ein Ausschnitt aus der Gutsherrschaft. Mit Gutsherrschaft bezeichnet man die feudale Herrschaftsform, die sich seit dem Mittelalter mit der Ostkonolisation des Heiligen Römischen Reiches entwickelte. Die Gutsherrschaft wiederum geht auf die Grundherrschaft zurück. Die Grundherrschaft war vom Mittelalter bis zur Bauernbefreiung die bestimmende herrschaftliche Organisationsform auf dem Land. Sie war die vorherrschende rechtliche, wirtschaftliche und soziale Besitzstruktur des ländlichen Raums.

Die Grundherrschaft

Grundherrschaft ist eine Herrschaftsform, bei der die Stärkeren die Schwächeren für die eigenen Lebensbedürfnisse ausnützen. Sie ist für die Menschheitsgeschichte kennzeichnend und dürfte bereits vor der Schriftlichkeit existiert haben. Im Mittelalter waren Grundherren Adelige oder von diesen beschenkte kirchliche Institutionen, wie z.B. ein Kloster. Der Grundherr war Grundeigentümer oder Inhaber eines Lehens mit Verfügungsgewalt über das Land. Er übte zudem – meist mittels Verwaltern – die Polizeigewalt und die Gerichtsbarkeit über seine Untertanen auch. Auch hatte er das das Recht in religiösen oder besitzrechtlichen Fragen über seine Untertanen zu bestimmen. Der Grundherr verfügte über das Patronatsrecht,  also das Bestimmungsrecht über die Kirche, die auf seinem Grund lag.

Allerdings hatte der Grundherr nicht nur für die Treue und den Gehorsam seiner meist mittellosen Untertangen zu sorgen, sondern auch Schutz und Schirm zu gewähren. Treue und Gehorsam gegen Schutz und Schirm lautete der Grundsatz. Der Grundherr sollte den Abhängigen wirtschaftliche Grundsicherung und Unterstützung bei Krankheit, Missernten oder Katastrophen gewähren, Schutz vor dem Abwerben als Söldner für fremde Kriegsherren bieten und der Familie eine Bestattungsfürsorge zukommen lassen. Innerhalb seiner Herrschaft hatte seine Verwaltung für den religiösen Frieden zu sorgen, Streit zu schlichten und Friedensbrecher mit Hilfe eines Schiedsgerichtes, wenn nötig, zum Tode zu verurteilen. Die Grundherrschaft umfasste daher nicht nur eine agrarische Wirtschaftsform, sondern eine Herrschafts- und Besitzstruktur, die alle Bereiche des Lebens bis in das 19. Jahrhundert beherrschte.

Die Untertanen standen in unterschiedlichen Abhängigkeitsverhältnissen zum Grundherrn. Sie hatten von dem Erwirtschafteten unterschiedliche Abgaben zu leisten und waren zu Frondiensten verpflichtet. Die Form des Abhängigkeitsverhältnisses reichte vom reinen Pachtverhältnis über die Hörigkeit bis zur Leibeigenschaft.

Der Gutsherr

Der adelige Gutsherr ist die Verkörpererung der Grundherrschaft auf unterer Hierarchieebene. Er verfügt über Grundeigentum in einem Gutsbezirk oder Rittergut ab 100 ha. Dort hat er verschiedene Monopole inne, wie Brauerei-, Ziegel-, Kalkbrennmonopole oder den Mühlenzwang.  Mittels Erbuntertänigkeit sowie übertragener Straf- und Polizeigewalt (Patrimonialgerichtsbarkeit) hatte er eine beherrschende Stellung in der Agrargesellschaft noch vor dem Landesherrn inne.

Das Hofrecht

regelte im Mittelalter die Rechtsverhältnisse des Gutsherren zu seinen Dienstleuten und Hörigen als auch der letztern untereinander in Bezug auf Dienst- und Gutsverhältnisse. Zum einen umfasste das Hofrecht das Dienstrecht, Dienstmannenrecht, d.h. das Recht der ritterlichen Dienstleute und Beamten, zum anderen auch das bäuerliche Hofrecht, das für die unfreien oder hofhörigen Landleute bestand. Zwischen dem Grundherren und den Bauern bestand ein Leihvertrag, dessen Inhalt vom Grundherrn diktiert wurde. Die Leihe war auf bäuerlicher Seite vererbbar. Da das Interesse des Gutsherren dahin ging, die Abgaben aus dem verliehenen Hof dauerhaft zu sichern, wurde in den Leiheverträgen die Einerbfolge bestimmt. Der Hof, ober besser die Hofleihe durfte nicht geteilt werden, um seine Abgabenfähigkeit nicht zu mindern. Er durfte nur an einen Sohn vererbt werden.

Nicht zu verwechseln ist das Hofrecht mit dem Höferecht, also dem bäuerlichen Anerbenrecht.

Das Anerbenrecht

ging aus der Einerbfolge hervor. Es wurde nicht im Interesse der Bauernfamilie, sondern des Bauernguts geschaffen. In den Motiven zu Art. 83 des Einführungsgesetzes zum BGB wird hierzu ausgeführt:

„Das Anerbenrecht ist aus den Hof- und Territorialrechten des Mittelalters hervorgegangen und hat seine Grundlage in dem Interesse der Grund- und Landesherren an der Erhaltung eines hinsichtlich der Zinsen und Frohnen leistungsfähigen Bauerstandes … Später trat wohl auch der Gesichtspunkt hinzu, dass eine singuläre Vererbung im Interesse der bäuerlichen Familien liege. Zunächst aber und für lange Zeit stand dieser Gedanke in zweiter Linie; die fiskalischen und grundherrlichen Interessen überwogen.“

Die Bauern werden Eigentümer

Erst im 19. Jahrhundert wurden die meisten Bauern im Zuge der Bauernbefreiung Eigentümer der von ihnen bewirtschafteten Höfe. Auch dabei entbehrt es jeder Romantik. Sie mussten die Höfe von den Gutsherren ablösen und dazu verschulden.

Vom Geschlechter- zum Gemeindeverband

Daneben gab es aber auch immer freie und halbfreie Bauergüter, bei denen sich die Einerbfolge bzw. das Anerbenrecht ebenfalls aus altem Gewohnheitsrecht herausgebildet hatte. Solche freien Bauern gab es z.B. in Tirol, Bayern und Niederschlesien. Da das ungeteilte Anerbenrecht auch in anderen indogermanischen Völkern für freie Bauernhöfe existiert, ist anzunehmen, dass es einen älteren Ursprung hat, als die Hofrechte. Der Gedanke der Unteilbarkeit des Grundbesitzes scheint uralt zu sein. Den indogermanischen Völkern scheint eigen, dass sie als Eroberungsvolk, das eroberte Land unter den Geschlechtern des Stammes aufteilten. Das Geschlecht gab es dann an Einzelgeschlechter, die Dorfgemeinschaften bildeten, weiter. Für den Stamm als gedachten Obereigentümer und das Geschlecht als wirklichen Eigentümer, übte das dorfweise angesiedelte Einzelgeschlecht die Eigentümerbefugnisse über das ihm zugewiesene Dorfland aus. Dies war auch logisch und folgerichtig, da es keine anderen „staatlichen“ Organisationsstrukturen gab als Stamm, Geschlechterverband und Einzelgeschlecht.

Von der Sondernutzung zum Eigentum

Die Gemeinde teilte das Dorfland periodisch zu. Aus dieser Sondernutzung dürfte dann Sondereigentum entstanden sein. Zunächst als Haushaltungsvermögen. Alle in einer Haushaltung lebenden bzw. die Haushaltungsgemeinschaft bzw. alle Familieangehörigen waren Vermögensträger. Der Vater übte nur die pflichtgemäße Verwaltung aus. Starb er musste kein Erbgang erfolgen, weil die anderen ohnehin schon Grundbesitzer waren. Der Vater schied lediglich aus der Haushaltung, die weiterhin Inhaber des Grund und Bodens war, aus. War ursprünglich die Gemeindezugehörigkeit Voraussetzung für die Landzuweisung zur Nutzung gewesen, war jetzt das Landeigentum Voraussetzung für die Zugehörigkeit zur Gemeinde. Mit ihr waren Rechte verbunden, aber auf ihr lasteten auch Pflichten.

Vom Eigentum zur Einerbfolge

Diese öffentlichen Lasteten erforderten einen vermögenden Mann. Der Gemeinde lag es folglich daran zu verhindern, dass das Land, das einen Mann ernährte, geteilt wurde, und statt einer vermögenden dort zwei oder drei proletarische Existenzen saßen, die weder im Gericht noch im Krieg ihren Beitrag leisten konnten. Die Gemeinde kontrollierte infolgedessen den Güterstand des Bauern, indem sie sein Land für unteilbar oder allenfalls für beschränkt teilbar erklärte. Die Unteilbarkeit bzw. Einerbfolge hat nach diesem Erklärungsversuch ihren Ursprung also nicht im Hofrecht, sondern in der dem Landrecht entwachsenen Ding- bzw. Gerichtspflicht. Dies legt die Annahme nahe, dass die Einerbfolge älter als das Hofrecht ist und das Hofrecht den Gedanken der Einerbfolge übernommen hat. Die Grundherrschaft in Verbindung mit dem Hofrecht mag das freie Bauerntum verdrängt haben. Es hat aber den Gedanken der Einerbfolge als gegeben übernommen.

Erbrechtkanzlei Ruby & Schindler – Wir machen nur Erbrecht – Wir helfen Ihnen – Überall in Deutschland – Tel. 07721 / 63450

Wichtig: Auch wenn sich auf unserer Homepage vieles für Sie einfach darstellen mag, fehlt auch dem intelligentesten Laien der Gesamtüberblick im Erbrecht. Oft werden schwierigste Punkte, die scheinbar im Vordergrund stehen, verstanden, grundlegende andere Probleme, die für den konkreten Fall wirklich entscheidend sind, aber gar nicht gesehen. Wir empfehlen Ihnen daher, unsere günstige Erstberatung von bis zu 1,5 Stunden in Anspruch zu nehmen. Die Erstberatung kann persönlich, telefonisch, schriftlich oder per Mail erfolgen. Sie kostet nur 190 Euro plus Mehrwertsteuer (eventuell noch Postgebührenpauschale, also im Ergebnis 226,10 oder 249,90 Euro). Sparen Sie nicht am falschen Ort. Oft müssen die Erben später viele Jahre prozessieren und Zigtausende an Anwalts- und Gerichtskosten zahlen, nur weil der Erblasser die geringen Erstberatungskosten sparen wollte. Übrigens: Bei einer Erstberatung durch uns erhalten Sie Vorsorgevollmacht und Patientenverfügung kostenlos.

Hinterlasse jetzt einen Kommentar

Kommentar hinterlassen

E-Mail Adresse wird nicht veröffentlicht.


*